Monstergott
Januar 13, 2026
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Wiederentdeckt

Gelächter im Dunkel

Vladimir Nabokov

Intrigen, Trotz, Eifersucht. In seinem Roman „Gelächter im Dunkel“ führt uns Vladimir Nabokov vor, wie man Obsession, Liebe, Leidenschaft in ein mitleidloses psychologisches Kammerspiel verwandeln kann - in dem am Ende die Gefühle hochkochen.

Wiederentdeckt von Ania Faas

Mit den beweglichen Kacheln auf ihren Landing Pages spekulieren die Streamingdienste darauf, dass wir zufällig auf eine Geschichte stoßen, die uns fesselt, stundenlang und ohne dass wir nach ihr gesucht hätten. Vladimir Nabokov schafft das in diesem Roman ganz ohne Bilder, mit drei ausgreifenden Sätzen, die außerdem regelwidrig die Handlung spoilern.

Satz 1 und 2: „Es war einmal ein Mann, der hieß Albinus und lebte in der deutschen Stadt Berlin. Er war reich, angesehen und glücklich; um eines jungen Mädchens willen verließ er eines Tages seine Frau; er liebte; wurde nicht geliebt; und sein Leben endete in einer Katastrophe.“ Nun wissen wir, was in Gelächter im Dunkel passieren wird und wie es endet. Warum sollten wir weiterlesen?

Satz 3: „Das ist schon die ganze Geschichte, und wir hätten es dabei bewenden lassen, läge nicht Nutzen und Vergnügen im Erzählen; und wenn auch auf einem Grabstein Raum genug ist, die gekürzte, in Moos gebundene Fassung eines Menschenlebens aufzunehmen, so sind doch Einzelheiten stets willkommen.“ Hooked.

Der Roman erschien ursprünglich 1932 unter dem Titel Kamera Obskura, es war Nabokovs letztes auf Russisch geschriebenes Werk vor seiner Ausreise in die USA. Wie bei einer Lochkamera stellt der Einfall von Licht (hier: die zielstrebige, schlaue und sehr hübsche Berliner Proletarierin Margot) das gesamte Lebensbild von Albinus (gelehrt, aber willenlos, Typ wohlhabender Patrizier) auf den Kopf. Natürlich findet ihr erstes Treffen im Kino statt. Vom Film träumt Margot, oder besser gesagt davon, ein Filmstar zu sein, und vom Film träumt Albinus, der sich wünscht, seine Lieblingsgemälde lebendig zu machen. Er verfällt Margot, seine Ehefrau zieht aus, irgendwann stirbt seine Tochter und er geht nicht einmal zur Beerdigung.

In Windeseile hat Albinus seinen bürgerlichen Kokon zerstört, aber er liebt und ist glücklich. Und Margot kann endlich mit fester Hand den Anfang ihrer Wunschgirlande packen, teure Dinge, ein Urlaub am Meer, und sogar eine Rolle in einem Film. Alles scheint zu passen in diesem Geschäft auf Gegenseitigkeit. Aber dann taucht Rex auf, für den Margot echte Gefühle hat, ein Künstler, ein Großmaul. Und es wird spannend. Merkt Albinus nicht, was hinter seinem Rücken vor sich geht?

Doch, er merkt es, aber wir ahnen, zu spät. So widerwillig wie begierig sehen wir den nun folgenden schlimmen Ereignissen zu; können nicht anders, als auf Nabokovs Gedankenwegen mitzugehen, dem kurzatmigen Gehechel des schuldbewußten Albinus nachzuhetzen, reinzuwaten in das Gelaber von Rex, dem Experten für alles und jedes. Oder in die inneren Monologe der verlassenen Ehefrau, deren Leben sich „in eines jener langen, grotesken Rätsel verwandelt hat, die einem im Traumklassenzimmer zur Lösung vorgelegt werden.“

Denn der Autor beherrscht die scheinbar leeren Räume, alles nutzt er, das Licht, unsichtbare Linien, die Körper, imaginierte Gegenstände. Aus dem Kinderzimmer ist ein Ping-Pong-Raum geworden. Ping Pong? Ein Geräusch, mit dem der Ball auf die Platte fällt, das grüne Netz über dem Tisch und damit jene Farbe, die die Geschichte in eine neue Richtung treibt. Eigentlich wollte Albinus endlich „vernünftig“ werden und zu seiner Frau zurückkehren. Doch jetzt: „Diese Zukunft kam ihm wie einer jener langen, dämmrigen, staubigen Korridore vor, wo man eine vernagelte Kiste findet – oder einen leeren Kinderwagen.“

Im Auto reisen wir von Berlin über die Schweiz in die gleißende Sonne Südfrankreichs, wo Vladimir Nabokov selbst nach dem Krieg lange Zeit wohnte (und Schmetterlingen hinterherjagte, eine lebenslange Leidenschaft, er hinterließ eine Sammlung von 4323 Exemplaren). Für uns kocht er hier die Gefühle noch einmal richtig hoch. Intrigen, Trotz, Eifersucht. Wo führt das alles hin? Natürlich, die Lochblende der Kamera Obskura, die schließt sich jetzt um Albinus, Margot und Rex. Es wird dunkel. Und da beginnt er, der abschüssige Weg in das irrste Ende, in die Katastrophe, die Nabokov uns prophezeit hat. Bis zur letzten stummen Szene, für die er nur noch ein paar karge Regieanweisungen gibt. „Tür – weit offen. Tisch – von der Tür fortgeschleudert. Teppich – in einer erstarrten Welle am Fuß des Tisches ausgebaucht.“

Vladimir Nabokov, Gelächter im Dunkel, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, Juni 2000. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt und Hans-Heinrich Wellmann, bearbeitet von Dieter E. Zimmer. Die amerikanische Originalausgabe erschien 1938 unter dem Titel Laughter in the Dark.

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