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Buch des Monats

Hitzetage

Oisín McKenna

Was macht ein gutes Wochenende aus? Durchfeiern samt Katerfrühstück oder mit Ehepartner und Kind teuren Orangensaft beim Brunch trinken? „Hitzetage“ ist ein Roman über die großen Fragen des Lebens.

Rezension von Lara Grewe

Man nehme ein heißes Juniwochenende in London, werfe eine Handvoll Millennials mit ungelösten Gefühlen in eine zur WG umfunktionierten Lagerhalle, lasse einen verirrten Wal in der Themse verenden — und fertig ist das literarische Porträt einer Generation, die herausfinden möchte, wie man mit Anfang dreißig authentisch bleibt, ohne Miete zu zahlen.

In „Hitzetage“ von Oisín McKenna begleiten wir eine Gruppe von Freunden Anfang dreißig durch das heißeste Wochenende des Jahres. In London leben bedeutet: hohe Mieten, viele Mitbewohner, chronische Geldsorgen und die leise Frage im Hinterkopf, ob man noch cool ist oder schon abgehängt. „Ich habe das Gefühl, in London zu leben, ist, als wäre man ständig kurz vor dem Orgasmus, könnte aber nie kommen.“

Für die langjährigen Freunde Maggie, Ed, Callum und Phil drängen sich die großen Fragen des Lebens zwischen Sommer-Partys und Drogen: Müssen wir erwachsen werden? Kinder kriegen? Zurück in die Nähe der Eltern ziehen? Mit 30 endlich unsere Partyphase hinter uns lassen? McKenna schildert die Schwebe zwischen Großstadt und Vorort, zwischen Koks-Nächten und Brunch, zwischen dem Drang, alles auszukosten, und der leisen Angst, dass das Leben, das sich immer so groß angefühlt hat, irgendwann klein wird.
Der Roman folgt acht Menschen, deren Leben miteinander verflochten ist. Was zunächst etwas überfrachtet wirkt, gewinnt nach den ersten Kapiteln an Struktur. Maggie ist schwanger und pleite, ihr bester Freund Phil hoffnungslos in seinen Mitbewohner Keith verliebt, und Keiths Mutter weiß nicht, wie sie ihrem Sohn von ihrer Krebsdiagnose erzählen soll. Kurzum: Alle wissen etwas, das sie dringend sagen müssten, und sagen es nicht. Die unzureichende Kommunikation zwischen all diesen Menschen ist das verbindende Thema des Romans — und das trennende Element in ihren Leben.

McKenna erzählt das alles aus wechselnden Perspektiven — jedes Kapitel ist aus der Sicht einer anderen Person geschrieben. Wechselnde Perspektiven bringen immer wieder neue Themen: Queerness, Identität, Existenzängste, und eben besonders: älter werden. Maggie und Ed erwarten ungeplant ein Kind, Phil ist unsicher, wo seine Situationship mit Keith hinführt, Callum ist nebenberuflich Dealer und steht kurz vor seiner Hochzeit, Rosaleen, Callums und Phils Mutter, ist krank und blickt auf ihr stilles Leben zurück.

Die Charaktere sind chaotisch, widersprüchlich, darum lebensnah: „Manchmal sieht es aus, als habe jede Entscheidung, die Ed je getroffen hat, nur damit zu tun, dass es ein heißer Tag war und er geil war oder wütend oder beides.“ Genau das macht dieses Buch für mich so gut.

McKenna schreibt mit Humor, Empathie, Verständnis. Ich habe mich verstanden gefühlt, bin jemand, der auf die 30 zugeht und sich fragt, wie das Erwachsenenleben so aussehen soll – ich habe mich in den inneren Kämpfen der Charaktere wieder gefunden. Dieses Buch erwischt einen, besonders, wenn die eigene Lebensplanung sich nicht auf Ehe, Kind und Haus reduziert.

Der Wal, der in der Themse strandet, hätte unter den Figuren des Romans eine große Debatte über Klimaschutz auslösen können – interessiert aber niemanden. Stattdessen macht die Ähnlichkeit einer Meeresbiologin mit Princess Diana Schlagzeilen und thematisiert damit ein sehr reales Problem: Wir sind überfordert von den großen Krisen unserer Zeit. McKenna kann auch Satire, hat einen scharfen Blick, nimmt den Spätkapitalismus mit seinen Auswüchsen aufs Korn — und welcher Ort eignete sich dafür besser als London?

Stickige Luft in der Central Line, überfüllte Pubs und Partys in der queeren Szene Londons, alles scheint möglich — auch wenn dann meistens eh doch nichts passiert, weil alle zu erschöpft und lost sind, um das zu genießen: „Die Menschen bewegen sich langsam, wenn sie sich überhaupt bewegen, und einen Monat lang hat niemand auch nur einen zusammenhängenden Gedanken gefasst.“

Dass „Hitzetage“ so gut funktioniert, liegt auch an der hervorragenden Übersetzung. Ein Buch für Millennials, die nachts feiern und tagsüber googeln, ob man eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen sollte. Aber auch ein Buch für alle, die auf den Sommer warten – und all die Fragen, die damit so hochkommen. Wer mit zu vielen Figuren, zu viel Hitze und zu wenig Kommunikation umgehen kann, wird mit dem Roman glücklich werden.

Oisín McKenna: Hitzetage. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec. Residenz Verlag, 360 Seiten

Buch des Monats

Monstergott

Stell dir eine Welt vor, in der das, was du gesehen hast, überhaupt nicht schlimm ist“ – aber in so einer Welt leben Ben und Esther nunmal leider nicht. Caroline Schmitts Roman „Monstergott“ führt mitten hinein in eine evangelikale Freikirche in Deutschland: eine Gemeinschaft, die nach außen erstaunlich modern wirkt.

Buch des Monats

Die Assistentin

Der neue Roman von Caroline Wahl zeigt mit präziser Bitterkeit, wie ein ganzes Unternehmen Machtmissbrauch toleriert, befördert, provoziert. „Die Assistentin“ zwingt jede und jeden zur Positionierung – ohne Moralkeule.

Buch des Monats

Im Leben nebenan

Anne Sauer porträtiert in ihrem Debütroman „Im Leben nebenan“ zwei Versionen der gleichen jungen Frau: Der einen wird die Entscheidung über das Kinderkriegen abgenommen, die andere beginnt, ihren Entschluss anzuzweifeln, Mutter zu werden. Egal, wie du dich entscheidest – es ist falsch.

Buch des Monats

Before we were innocent

In „Before we were innocent“ erzählt Ella Berman nicht nur von einem Verbrechen, sondern vor allem davon, was danach bleibt – von Schuld, Schweigen und der Suche nach Wahrheit.

Buch des Monats

Zeiten ohne Wende

Christian Schweppe zeigt, warum Deutschlands sicherheitspolitische „Zeitenwende“ scheiterte – und was jetzt anders werden muss. Eine schonungslose Analyse, intensiver recherchiert und aktueller denn je.

Buch des Monats

Mama, bitte lern Deutsch

Eigentlich hätte das Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ von Tahsim Durguns Mutter geschrieben werden sollen – denn es ist ihre Geschichte.

Buch des Monats

Kein Licht wie die Sonne

Was bedeutet es, zwischen zwei Welten zu leben – ohne in eine wirklich hineinzupassen? Khashayar J. Khabushanis Debütroman „Kein Licht wie Sonne“ erzählt von Identität, Zugehörigkeit und den Herausforderungen, seinen Platz in der Welt zu finden.

Buch des Monats

Das große Spiel

Wie man es schafft, mit einem Roman Hoffnung zu stiften in trostlosen Zeiten? Richard Powers fragen!

Buch des Monats

Pleasure

„Pleasure“ von Jovana Reisinger ist ein Buch, über das sich alle aufregen werden, die Glamour und Style für oberflächlich halten. Für mich ist es ein Manifest und die Aufforderung, mein Leben zu ändern.