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Wiederentdeckt

Die Klavierspielerin

Elfriede Jelinek

Von ihrer herrschsüchtigen Mutter emotional und sexuell beschädigt, sucht die Klavierlehrerin Erika Kohut vergeblich Erlösung in einer sadomasochistischen Beziehung. Der aufwühlende Roman über Neurosen, Selbstverletzung und zutiefst toxische Beziehungen war 1983 der literarische Durchbruch der österreichischen Autorin, die bis heute so gefeiert wie umstritten ist. Zurecht: Das hier ist Weltliteratur.

Wiederentdeckt von Miriam Bunjes

Die Mutter nennt sie „ihren kleinen Wirbelwind”. Weil das Kind doch manchmal so „ungestüm” ist. Und zu spät nach Hause kommt. Aber eigentlich beichtet es brav, wenn es doch mal „über die Stränge” geschlagen ist. Denn Mutter und Tochter Kohut teilen alles: ihr Leben, ihre Interessen -  und jede Nacht das Ehebett.

Der verstörende Makel dieser scheinbaren Idylle: „Das Kind” - sie heißt Erika und kann hervorragend Klavier spielen -  ist Ende 30, ihre Mutter ist doppelt so alt. Die beiden Frauen existieren in einer bizarren Symbiose, in der die Jüngere fest darauf gedrillt ist, die Lebensziele der Mutter nicht nur zu erfüllen, sondern zu leben: als ewiges Kind, als Partnerersatz (ihren Vater hat „eine Geisteskrankheit verschlungen”) , als künstlerische Selbstverwirklichung in Vertretung. Daher herrscht Hassliebe im Hause Kohut. Und ein Ausmaß an mentaler Zerstörung, das sich ab dem ersten Abschnitt des Romans erahnen lässt - und sich im Laufe der rund 350 Seiten (je nach Ausgabe) doch immer wieder übertrifft: Erika ist nicht nur in der mütterlichen Herrschaft gefangen, sie ist durch sie deformiert -  und das hier ist die Geschichte einer gescheiterten Erlösung.

Kein Buch für zarte Gemüter also und überhaupt keins für die Pastell-Cover unseres Jahrzehnts, denn auch die Sexualität der Figuren ist tief beschädigt. So radikal wie Elfriede Jelinek hier hat sowieso bis heute keine Autorin das Thema Macht und Sexualität besprochen. Sowieso nicht in Pastell, denn auch ein Happy End war nie im Spiel. Gerade das macht diesen Roman so groß - und wert, wiederentdeckt zu werden, auch, wenn es eine ebenfalls großartige (und ebenfalls schwer verdauliche) Verfilmung von Michael Haneke mit Isabelle Huppert als Erika aus dem Jahr 2001 gibt. Denn: Dieses Meisterwerk wirkt nach, denn hier geht es - einzigartig erzählt -  an die ganz großen und unbequemen Fragen des Seins, um Sexualität und Wahrheit noch jenseits von Foucault: Wo beginnt Herrschaft wirklich und was genau ist freier Wille?

Dass Jelinek hierfür im Laufe der Handlung auch noch sadomasochistische Sexualpraktiken ins Spiel bringt, macht die Frage nach Geschlechterrollen und Machtgebaren besonders spannend - vor dem morbiden Mutter-Tochter-Verhältnis aber auch extrem aufwühlend.

Tatsächlich löste „Die Klavierspielerin” schon beim Erscheinen 1983 heftige Debatten aus - derart drastisch, detailliert und sarkastisch schreibt Jelinek über Sexualität und seelische Grausamkeit. In einem Buch über Frauen - von einer Frau - schreibt sie ausgerechnet über diese Frau  - und dreht dabei in der zwischen Rollenprosa und Figurenrede schwankenden Erzählperspektive so provokant die Geschlechterverhältnisse um, dass sie sich auf Lebenszeit den nachhaltigen Hass einiger selbsternannten Feministinnen sicherte.

Ihre Hauptfigur Erika Kohut, 36, ist Professorin am Konservatorium, von Geburt an zur Pianistin gedrillt -  aber gereicht hat es nur zur Lehrerin und zum Leben an der Seite ihrer Mutter. Die bestimmt die Regeln, der Tochter sind weder eigene Wünsche noch Privatsphäre gestattet -  nur Verzicht, Disziplin und Selbsthass. Erikas heimliches Laster sind Stunden in Sex-Shows, wo sie sich Pornos anschaut und an den von Männern benutzen Einwegtüchern riecht. Oder Fremde im Gebüsch beim Sex beobachtet. Ohne körperliche Lust. Ihre ist verdorrt, sogar wenn sie sich mit Messern schneidet, fühlt sie ihren Körper nicht. Als einer ihrer Schüler sie heftig umwirbt - tatsächlich auch, um die ältere Frau als Erfahrungsgeberin zu benutzen - weist sie ihn erst ab, um ihm dann detailliert ihre masochistischen Wünsche zu beschreiben: ihre Bedingungen für Sex. Das soll ihr Weg zur ersehnten Erlösung sein er hat dramatische Folgen.

Wer hier wen wofür ausnutzt, an welcher Stelle Schuld, Krankheit und Herrschaft verschmelzen, müssen die Leserinnen und Leser mit sich selbst aushandeln. Sprachlich ist der verstörende Inhalt brillant sekundiert: Jedes Wort sitzt, jeder Satz zeigt auf, jedes Sprachbild passt ins Gesamtkunstwerk. Es gibt keinen einzigen Dialog im Text, stattdessen einen gleitenden Übergang zwischen Erzählerkommentar und innerer Figurenrede - und die wiederum schwankt zwischen Rollenprosa und Reflexion. Das liest sich ungewohnt und trieft vor düsterem Sarkasmus. Gerade der lakonische Ton lässt die Handlung aber noch tiefer wirken und gibt dem Roman eine morbide Schönheit: Wir schauen in die Abgründe demolierter Menschen,  die eigentümlich distanzierte Sprache bringt uns dabei besonders nah an die, die Nähe nicht mehr finden können.

Auch die biographischen Parallelen sind spannend – und haben das Werk vermutlich in dieser Form überhaupt erst möglich gemacht. Jelinek wuchs mit einer stark leistungsorientierten Mutter und strenger musikalischer Erziehung auf, sie hat in Interviews die autobiographischen Züge des Buches thematisiert. Die dunklen Seiten des Lebens hat sie jedenfalls meisterlich verstanden, durchleuchtet und epischer Tiefe aufs Papier gebracht. Ein Klassiker mit Triggerwarnung!

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin, 1. Auflage 1983, Rowohlt, 336 Seiten

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