Der Siebte Mensch
Dezember 16, 2025Gelächter im Dunkel
Januar 13, 2026Der Siebte Mensch
Dezember 16, 2025Gelächter im Dunkel
Januar 13, 2026Buch des Monats
Monstergott
Caroline Schmitt
Stell dir eine Welt vor, in der das, was du gesehen hast, überhaupt nicht schlimm ist“ – aber in so einer Welt leben Ben und Esther nunmal leider nicht. Caroline Schmitts Roman „Monstergott“ führt mitten hinein in eine evangelikale Freikirche in Deutschland: eine Gemeinschaft, die nach außen erstaunlich modern wirkt.
Rezension von Luisa Gehnen

Am Anfang klingt das noch harmlos: „Gemeinde macht mehr Spaß als ihr Ruf!“ Eine Kirche mit poppiger Lobpreisband, mit Gottesdiensten wie Konzerten, einem Pastor mit Sneakern. Doch je weiter man liest, desto klarer wird, was diese Parallelwelt kostet, in ihr herrscht eine harte Ordnung: Gut und Böse, Mann und Frau, Himmel und Hölle.
Seit ihrer Geburt gehören die Geschwister Esther und Ben der Gemeinde an; ihre Eltern sind Gründungsmitglieder, Gott steht über allem. Die Kirche ist Zuhause, Alltag, Freundeskreis, Sinnsystem: »Wenn Esther an ihr Zuhause dachte, dachte sie nicht an ihre Wohnung oder ihr Elternhaus, sondern an die Gemeinde.« Jede freie Minute wird investiert – Hauskreise, Hochzeiten, Zeltlager, Missionsarbeit.
Kontakte nach außen sind für Ben nicht denkbar, und Esther steht zunehmend zwischen den Stühlen: drinnen nicht frei genug, draußen nicht richtig dazugehörig. Erzählt wird abwechselnd aus Bens und Esthers Ich-Perspektive – gleichzeitig erleben wir sie immer auch aus der Sicht des jeweils anderen. Dadurch ist man ihnen sehr nah, ist in ihren Gedanken, in ihrer Scham, in ihren Sehnsüchten – und sieht sie zugleich immer wieder von außen, wenn sie durch Routinen und Regeln taumeln, die plötzlich nicht mehr tragen. Aus kindlicher Hingabe wird ein innerer Konflikt, weil sich Dinge einschleichen, die in ihrer Welt nicht existieren dürfen: Zweifel, Begehren, eigene Ziele.
Bens Perspektive ist enthusiastisch christlich – und genau das macht es zunächst nicht leicht, sich auf ihn einzulassen. Denn so hoch der Flug, so tief auch der Fall, und Ben fällt sehr tief. Er ist der Gläubige aus Überzeugung. Für ihn ist Jesus ein Rausch: »Jesus war eine Droge, die sofort abhängig machte und trotzdem unbedenklich war. Wer einmal von ihm gekostet hatte, der wollte mehr von seinem süßlichen, köstlichen Nektar.« Dieser Satz fasst nicht nur Ben, sondern das ganze System zusammen: Glaube als emotionaler Rausch, als allumfassendes Sinnversprechen. Aber irgendwann kippt es: Ben hält sich selbst für defekt, weil sein Begehren nicht in die heteronormative Schablone passt: mehr Monster als Mensch. „Schuld und Scham fressen ihn auf: Er fühlt sich als Last, am falschen Platz, und die Spirale aus Selbstverachtung machte ihn fertig“ – Ben hat kein stabiles Selbstwertgefühl, er ringt darum, überhaupt daran zu glauben, liebenswert zu sein.
Also sucht er Heilung in den Angeboten des Systems: christliche Therapie, Männlichkeits-Seminar, Slogans wie „Unleash your wild, Godly masculinity.“ und „ eine starke, erfüllte und mutige Männlichkeit in Christus.“ Schuld und Scham werden zu seinem Alltag. Er versucht, sich wegzubeten: Nichts betete er öfter als „Reinige mich, Gott, mach mich sauber, mach mich neu, freie mich“. Und er macht sich klein, um nicht ersetzbar zu sein: „Er kämpfte so hart, er sagte immer Ja und nie Nein, um in der Gemeinde nicht austauschbar zu sein.“ Der Roman zeigt sehr deutlich, wie gefährlich es wird, wenn ein Mensch Erlösung nur noch als Selbstverleugnung versteht – bis hin zur Selbstzerstörung.
Esther dagegen blickt klarer auf das, was in der Kirche strukturell läuft. Sie ist Krankenschwester – ein Beruf, den ihre Eltern früh für sie „vorsehen“, weil sie als fürsorglich und mitfühlend gilt. Auch sie ist tief drin, auch sie glaubt, aber sie spürt die Grenzen früher. Als talentierte Musikerin will sie mehr Verantwortung übernehmen, doch in der Gemeinde bleibt Macht männlich codiert. Ihre eigene Frage trifft Esther wie ein Nadelstich: „Wie kann es sein, dass die Gemeinde Frauen noch schlechter behandelt als der Rest der Gesellschaft“. Dazu kommt eine wachsende Sehnsucht nach einem Leben, das nicht permanent kontrolliert wird. Als sie ihren Jugendfreund Paul wiedertrifft, wird diese Sehnsucht konkret, der Hunger nach der Welt da draußen, die gar nicht so verdorben wirkt, wie es ihr immer erzählt wurde. Ohne dass sie ihren Glauben einfach abschüttelt, ihr Weg ist keiner des plötzlichen Bruchs, sondern einer der langsamen Emanzipation.
„Monstergott“ ist stark handlungsgetrieben: Es passiert viel, ständig geraten Grundfesten des Glaubens ins Wanken oder stürzen ein. Caroline Schmitt zeigt, wie religiöse Gemeinschaften Sinn, Zugehörigkeit und Trost spenden können – und gleichzeitig Raum für Manipulation, Schuldproduktion und Ausgrenzung bieten. Sie seziert Gruppendynamiken und den Handel mit Hoffnung sehr präzise, ohne platt zu werten. Immer wieder entsteht bei der Lektüre das Gefühl: Hier stimmt etwas nicht – aber was genau, das schält sich erst nach und nach heraus. Gerade die Leerstellen arbeiten mit: Dinge werden nur angedeutet, Scham bleibt im Raum, ohne immer benannt zu werden. Die Sprache ist klar, oft eindringlich, manchmal leise poetisch, und genau dadurch wirkt das Buch so intensiv und fesselnd.
„Monstergott“ ist ein spannender, schmerzhaft ehrlicher Roman über Glaube und Selbstwerdung, über zwei Geschwister, die lernen müssen, dass Zweifel nicht das Ende bedeuten – aber dass ein System, das Menschen klein hält, sehr wohl gefährlich werden kann.
Monstergott, Caroline Schmitt, 272 Seiten, park x ullstein, Berlin 2025.

Buch des Monats
Die Assistentin
Der neue Roman von Caroline Wahl zeigt mit präziser Bitterkeit, wie ein ganzes Unternehmen Machtmissbrauch toleriert, befördert, provoziert. „Die Assistentin“ zwingt jede und jeden zur Positionierung – ohne Moralkeule.

Buch des Monats
Im Leben nebenan
Anne Sauer porträtiert in ihrem Debütroman „Im Leben nebenan“ zwei Versionen der gleichen jungen Frau: Der einen wird die Entscheidung über das Kinderkriegen abgenommen, die andere beginnt, ihren Entschluss anzuzweifeln, Mutter zu werden. Egal, wie du dich entscheidest – es ist falsch.

Buch des Monats
Before we were innocent
In „Before we were innocent“ erzählt Ella Berman nicht nur von einem Verbrechen, sondern vor allem davon, was danach bleibt – von Schuld, Schweigen und der Suche nach Wahrheit.

Buch des Monats
Zeiten ohne Wende
Christian Schweppe zeigt, warum Deutschlands sicherheitspolitische „Zeitenwende“ scheiterte – und was jetzt anders werden muss. Eine schonungslose Analyse, intensiver recherchiert und aktueller denn je.

Buch des Monats
Mama, bitte lern Deutsch
Eigentlich hätte das Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ von Tahsim Durguns Mutter geschrieben werden sollen – denn es ist ihre Geschichte.

Buch des Monats
Kein Licht wie die Sonne
Was bedeutet es, zwischen zwei Welten zu leben – ohne in eine wirklich hineinzupassen? Khashayar J. Khabushanis Debütroman „Kein Licht wie Sonne“ erzählt von Identität, Zugehörigkeit und den Herausforderungen, seinen Platz in der Welt zu finden.

Buch des Monats
Das große Spiel
Wie man es schafft, mit einem Roman Hoffnung zu stiften in trostlosen Zeiten? Richard Powers fragen!

Buch des Monats
Pleasure
„Pleasure“ von Jovana Reisinger ist ein Buch, über das sich alle aufregen werden, die Glamour und Style für oberflächlich halten. Für mich ist es ein Manifest und die Aufforderung, mein Leben zu ändern.

Buch des Monats
Taumeln
Sina Scherzant führt in ihrem Roman „Taumeln“ Suchende immer wieder in den Wald und uns zu Fragen, die wir uns lieber nicht stellen
