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Yesteryear
Caro Claire Burke
Kaum ein Buch taucht derzeit so häufig in den Feeds von BookTok und Bookstagram auf, nicht zuletzt deswegen, weil sich Teufel-trägt-Prada-Star Anne Hathaway zwei Jahre vor Erscheinen des Romans die Filmrechte gesichert haben soll: Yesteryear von Caro Clair Burke. Das Buch wird seinem Hype gerecht: Der Roman ist nicht nur eine Mystery-Zeitreise, sondern auch eine scharfzüngige Satire über das Tradwife-Milieu
Rezension von Emma Miesler

Yesteryear ist quasi „TikTok-Influencerin – der Film goes terribly wrong“: Die Hauptfigur Natalie Heller Mills ist erfolgreiche Tradwife-Content-Creatorin, also eine “Traditional Wife”, die auf Social Media ihren Followern zeigt, wie sie auf der Yesteryear-Farm ihr “ursprüngliches” Leben führt: Wie man Seife selber herstellt oder Sauerteigbrot backt (keine Garantie für nichts), wie man eine gute Christin und Ehefrau ist und viele perfekte Kinder großzieht (nicht unbedingt sich um sie kümmert) und wie man mit ihren Produkten (made in China, aber liebevoll inszeniert in den Tiefen von Idaho) auch so ein tolles traditionelles Leben haben kann. Mikrowellen und Angestellte bleiben selbstverständlich genauso unsichtbar wie die immer aufs Neue versterbenden Kühe. Der Schein scheint perfekt.
Bis Natalie eines Tages im Jahr 1855 aufwacht und merkt: Das “ursprüngliche” Leben in der “guten alten Zeit”, das ist gar nicht so romantisch, wie sie es dargestellt hat, so ohne Zentralheizung, Indoor-Klo oder Frauenrechte. Von da an muss sie sich durch das Leben auf einer Farm, die ihrer Yesteryear-Farm zum Verwechseln ähnlich sieht, navigieren – und herausfinden, wie zur Hölle (“Sorry, Herr!”) sie in der Vergangenheit gelandet ist.
Und genau diese Frage macht es fast unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. Auch wenn Yesteryear einige Längen hat und Natalies Werdegang von der College-Abbrecherin hin zur Businessfrau manchmal etwas zu genüßlich in allen Details ausklamüsert wurde, fragt man sich die ganze Zeit: Ist das Buch jetzt ein Sci-Fi-Zeitreise-Roman? Steht sie unter Drogen? Oder ist es wirklich alles nur eine Prüfung Gottes, wie sie es sich selbst einredet? Es hatte an Stellen etwas von einem Miträtsel-Roman.
Selten so schön hämisch gewesen
Natalie selbst ist keine Protagonistin, der man das Beste wünscht – eher im Gegenteil. Ihre boshaften inneren Kommentare, ihre Herablassung gegenüber anderen Frauen und ihre schier grenzenlose Arroganz machen Natalie zu einer Protagonistin, mit der man nur schwer mitfühlt. Wenn sie im 19. Jahrhundert zähneklappernd in der kalten Küche sitzt oder das Mittagessen schon wieder derselbe graue Schleim ist, gibt es eine kleine Stimme im Kopf, die schadenfroh lacht und sich denkt: Geschieht ihr Recht! Das ist nicht nett, aber Natalie ist es schließlich auch nicht.
Auffällig ist, wie Natalie auf andere Frauen, die sie nur als die “wütenden Weiber” bezeichnet, herabblickt: Wie “ach so neidisch” diese auf Natalie seien, wie besessen von ihr und wie unglücklich sie doch seien müssten. Wie ironisch es ist, dass sie selbst besessen über diese Frauen sinniert, das fällt ihr nicht auf.
Und obwohl sie alles zu haben scheint, ist Natalie nie glücklich. Weder mit sich, noch mit ihrer Ehe oder ihren Kindern. Ein wunderbares Sinnbild für den unendlichen Druck, sich online zu vergleichen und dass am Ende des Tages fast alle, selbst die erfolgreichen, schönen, scheinbar glücklichen Influencerinnen denken, dass das Gras auf der anderen Seite doch grüner sei.
Vom TikTok-Feed auf die Roman-Seite
Tradwives gibt es nicht nur zwischen den Buchdeckeln von Yesteryear, sondern ziemlich prominent auch auf dem echten Instagram und TikTok. Der Social-Media-Trend wurde das erste Mal zu Pandemie-Zeiten groß. Klar: Wenn man eh schon den ganzen Tag zu Hause verbringt und im Zweifel auch noch den Sauerteigstarter angesetzt hat, warum dann nicht die Langeweile zu Content machen. Richtig in Fahrt gekommen ist die Diskussion über diese Art des Contents aber erst im Spätsommer 2024 – mit dem steigenden Bekanntheitsgrad des TikTok-Accounts “Ballerina Farm”, der, Stand Juni 2026, auf TikTok und Instagram zusammen über 20 Millionen Followerinnen und Follower hat. Ballerina Farm, das sind Hannah Neeleman und Daniel Neeleman, ihr Ehemann. Und natürlich ihre acht Kinder. Und die Farm in Kamas, Utah, von wo aus sie ein Millionen-Imperium leiten: Tradwife-Content (von der selbstgemachten Seife bis zum selbstgemachten Familienglück), Merchandise und Kooperationen. Klingt bekannt? Die Parallelen zwischen ihr und Natalie werden auch online von mehreren Leserinnen und Lesern gezogen.
Das Problematische an dieser Art des Contents und der Grund, weshalb der Trend überhaupt die Insta- und TikTok-Feeds verlassen und seinen Weg in die Diskussionen bei Spiegel, tagesschau, ZEIT und Co. gefunden hat: In den Videos ist nicht nur die Haushaltsführung wie in der “guten alten Zeit”, sondern auch häufig das Weltbild.
Denn nicht nur Natalie, sondern auch viele prominente Creatorinnen verbinden die Ästhetik des „traditionellen“ Familienlebens mit einem konservativen bis reaktionären Gesellschaftsbild: Die Aufgabe der Frau sei es, Kinder in die Welt zu setzen und die des Mannes, sie zu ernähren. Homosexualität sei eine Sünde. Scheidungen im Übrigen auch. Und der Feminismus und Emanzipation hätten erst das Unglück über die Frauen gebracht.
Das ist nicht nur clickable Ästhetik, sondern auch ganz schön politisch.
Und genau das ist Yesteryear auch: Der Roman ist nicht nur ein Zeitreise-Mystery-Abenteuer, sondern auch eine scharfsinnige Satire auf die romantisierte Tradwife-Ästhetik. Ohne erhobenen Zeigefinger zeigt er, wie politische und gesellschaftliche Ideologien selbst dort wirken, wo Inhalte auf den ersten Blick nur nach Sauerteigbrot, Schürzen und Cottagecore aussehen.
Caro Claire Burke: Yesteryear. Aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Heyne Verlag, 464 Seiten.

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